Farbvererbung bei unseren Tauben

Martin Gangkofner

 

Martin Gangkofner

 

Vereins- und Kreiszuchtwart
Preisrichter E und L


Grundlagen der Farbvererbung bei unseren Tauben bzw. Betrachtung der Parallelen beim Aufbau einer Kfz-Lackierung


In der modernen Taubenzucht wurden die letzten Jahrzehnte durch namhafte Persönlichkeiten, wie Prof. Dr. A. Sell, Andreas Leiß (A), Andreas Boisits (A) und VBR 2017 Sach- & Fachkunde 2 Wolfgang Schreiber immer wieder Anläufe zur Vermittlung der genetischen Grundkenntnisse in der Taubenzucht unternommen. Bei vielen Züchtergesprächen und in mannigfaltigen Diskussionen in öffentlichen Foren ist jedoch festzustellen, dass die Grundkenntnisse hier leider weiterhin recht dürftig sind bzw. schlimmstenfalls auf Falschannahmen basieren. Gerade Letzteres, also die falsche Interpretation des Phänotyps bzw. die Ausrichtung an falschen Indikatoren verurteilt dann so manches Zucht-Projekt von Beginn an zum Scheitern. DENN eine Sache muss nicht richtig sein, nur weil Viele dran glauben oder festhalten!


Seit über 25 Jahren beschäftigte ich mich mit dem Thema Vererbung bei Tauben und nicht zuletzt durch die praktische Anwendung - Learning-by-Doing - habe ich mir hier ein umfangreiches Wissen angeeignet.


Der Landesverband Bayern ist an mich mit der Bitte herangetreten, dieses Thema im Rahmen des Bayerischen Sach- und Fachkundenachweises für den interessierten Leser greifbarer zu machen, was ich den nachfolgenden Ausführungen gerne versuche. Anstelle ausschließlich theoretischer Erörterungen, habe ich mir im Vorfeld Gedanken gemacht, wie das Thema praxisbezogen vermittelt werden kann.


Letztendlich bin ich auf die Kfz-Lackier-Technik gestoßen, welche zu unserem Thema durchaus Parallelen aufweist, die meines Erachtens zu einem besseren Verständnis beitragen können.


Als repräsentatives und konstruktives Beispiel für die verschiedenen Schichten in der Tauben-Farbgenetik bietet sich die Farbe Rot (rezessives Rot, auch Tümmler-Rot genannt) an. Ähnlich der mehrschichtigen Lackierung beim Kraftfahrzeug, besteht auch diese komplexe Farbkomposition aus verschiedenen und aufeinander aufbauenden Schichten/Erbfaktoren.

 

Grafik

 

Quelle: Deutsches Lackinstitut
1) Grundierung 2) Füller 3a) Basislack (Unifarbe) 3b) attraktive Decklackierung 4) Klarlack


1. Grundierung/Grundfarbe
Bevor es um die Umsetzung eines komplexen Farbbildes geht, benötigt der Korpus eine Grundierung (Kfz) bzw. bei der Taube eine Grundfarbe. Diese Schicht stellt die Basis für die folgenden Komponenten dar.


Auch in der Kfz-Lackierung mag es verschiedene Grundierungs-Varianten geben, evtl. auch die Kombination von zweien, von denen die stärkere die leichtere überdeckt; dies finden wir auch bei unseren Tauben. Jedes Taubenküken – egal welchen Farbbilds – wird zwingend mit mindestens einer Grundfarbe geboren.


Bei den Grundfarben unterscheidet man schwarzes (Wildtyp), rotes und braunes Pigment bzw. die blaue, rotfahle und braunfahle Färbung der Taube. Die mögliche Kombination von zwei der drei vorhandenen Grundfarben ist möglich, jedoch nur den männlichen Tieren vorbehalten. Die stärkere, also dominante (Grund–) Farbe deckt hierbei die schwächere (rezessive) Farbe ab.


Folgende drei Kombinations-Varianten sind bei Täubern darstellbar:

Die Kombination der Grundfarben Schwarz und Braun bringt einen Täuber mit Grundfarbe Schwarz im Erscheinungsbild; Schwarzes Pigment dominiert über Braunes.


Die Kombination der Grundfarben Schwarz und Rot bringt einen Täuber mit Grundfarbe Rot im Erscheinungsbild. Rotes Pigment dominiert über Schwarzes; vermag es aber nicht gänzlich abzudecken, was die Existenz von Tinten-, Farbspritzern schwarzen Pigments erklärt.


Die Kombination der Grundfarben Rot und Braun bringt einen Täuber mit Grundfarbe Rot im Erscheinungsbild. Rotes Pigment dominiert über Braunes; vermag es aber ebenfalls nicht gänzlich abzudecken, was die Existenz der so genannten „Tinten“-, Farbspritzer braunen Pigments erklärt.


Praxis-Beispiel: Taube in Rot (rezessiv)


Für ein attraktives Farbbild bei rezessiv-roten Tieren bieten sich als Grundfarbe („Grundierung) schwarzes und/oder rotes Pigment an. Auch das braune Pigment hat keinen direkten Nachteil im Farbbild des Gefieders, bringt aber als „Nebenwirkung“ eine Aufhellung der Augenfarbe, „Perlaugen der Braun-Reihe“, was oftmals nicht gewünscht ist und den Gesamteindruck stört.


==> Es empfiehlt sich die schwarze Grundfarbe (blaues Tier) zu wählen


2. Füller/Zeichnung
Im industriellen Verfahren wird nach der Grundierung der Füller aufgetragen, welcher bei der vorgehenden Schicht Rillen und Poren auffüllt und auch als Vorlack fungiert. Dieses Auffüllen bzw. die unterschiedliche Pigment-, Lackverstärkung übernimmt bei den Tauben die Zeichnung, auch Zeichnungsmuster genannt. Diese gibt es (vereinfacht dargestellt) in den Varianten Hohlig, Bindig, Gehämmert und Dunkelgehämmert (von links nach rechts rezessiv/pigmentschwächer im Erbgang bzw. rechts nach links dominant/pigmentstärker) existiert. Jedes Taubenküken wird zwingend mit einem dieser Muster geboren, kann aber geschlechtsunabhängig ein zweites tragen, welches dann vom dominanten/pigmentstärkeren Part überdeckt wird. Auch hier zeigt die Praxis, daß der dominante Teil diese farbliche Abdeckung nicht immer gänzlich schafft und z.B. bei gehämmerten Tieren mit paralleler Zeichnung Bindig und/oder Hohlig die Pigmentverstärkung teils reduziert (angestrebtes/aufgelockertes Zeichnungsbild bei gehämmerten Tieren).


Wird die maximale Auffüllung bzw. Pigmentdichte angestrebt, dann wird der Füller zweimal aufgetragen bzw. die Zeichnung Dunkelgehämmert zweimal genetisch verankert (reinerbig für Dunkelgehämmert). Die Punkte 1 und 2 reichen bei unseren Tauben nun bereits aus, um ein vollständiges, wenn auch vereinfachtes, Farbbild zu haben. Den Freunden der Farbentauben oder besonderen Färbungen genügt dieser Phänotyp bestimmt nicht; hier werden Gefiederfarben angestrebt, die weitere Faktoren erfordern.


Praxis-Beispiel: Taube in Rot (rezessiv)


Für ein farbintensives und lackreiches Rot ist eine hohe Pigmentdichte nicht zwingend erforderlich, aber sehr vorteilhaft. Deshalb streben wir hier als Komponente den Füller bzw. die Zeichnung Dunkelgehämmert an.


==> Zeichnungsmuster Dunkelgehämmert (blaudunkelgehämmertes Tier)


3a. Basislack/modifizierende Farb-Faktoren
Der industrielle Basislack erzeugt keine glänzende Oberfläche, sondern wird nach dem Auftragen matt, auch Unifarben genannt. Als beispielhafte Parallelen in der Taubenfärbung sind hier schwarze und rezessiv-rote Tiere zu nennen. Bei der Farbe Schwarz (dominant im Erbgang) reicht bereits das einmalige Auftragen bzw. Vorhandensein des dominanten Faktors, um ein schwarzes (Kfz bzw.) Tier zu erhalten! Bei einer "Schicht" vermag die Farbe Schwarz aber nicht so deckend zu sein. Im Ergebnis ist diese meist eher graustichig bzw. die darunter liegende Zeichnung ist erkennbar. Dagegen bedarf es beim Rot „lackiertechnisch“ immer zwei Lagen bzw. das reinerbige Auftreten des rezessiven Faktors; hier rezessives Rot. Im Ergebnis erhalten wir dann eine Basisfarbe, welche immer noch sehr matt wirkt und den Ansprüchen an ein attraktives (rezessives) Taubenrot bei weitem nicht genügt.

 

In der englisch-sprachigen Fachliteratur spricht man hier von „unimproved recessiv red ones“, also „unbeeindruckenden rezessiv Roten“. Das Foto einer Landshuter Stadttaube zeigt beispielhaft genau ein solches Tiere; hier mit schwarzer Grundfarbe und Zeichnung Gehämmert und/oder Dunkelgehämmert.

 

Taube

 

3b. Hochwertige Decklackierung/Ergänzen von 3a durch modifizierende Zusatzfaktoren
Kfz: Alternativ zur Basislackierung gibt es die anspruchsvollere Decklackierung. Das Ergebnis, welches man am Ende sieht, ist die gezielte Kombination einer Vielzahl von Farb-Komponenten, die aufgetragen werden um das gewünschte Farbbild, z.B. Metallic, zu erreichen. Diese Deckschicht ist also sehr variationsreich und zugleich das Aushängeschild eines jeden Autos.


Tauben: Ähnlich der Decklackierung kann hier durch die Kombination einer Vielzahl von modifizierenden Zusatzfaktoren, wie diversen Farbverstärkern (verstärkte Pigmentansammlung), unterschiedlichen Bronzefaktoren, Smoky-Faktor, Indigo, Ausbreitungsfaktor usw. das Farbbild optimiert werden. Erst die Anhäufung solcher modifizierender Farbfaktoren, welche zumeist doppelt aufgetragen werden müssen – also im Erbgang rezessiv sind und somit reinerbig/zweifach vorhanden sein müssen, bringen eine tiefrote Färbung, welche zumeist noch metallisch glänzt. Diese Farbverstärker können in der Zusammensetzung durchaus variieren und dennoch das gleiche Erscheinungsbild, also ein attraktiv gefärbtes (rezessives) Taubenrot bewirken.


Zur Vervollständigung ist zu erwähnen, dass bei den Farbverstärkern aktuell nur die Faktoren Indigo und Ausbreitungsfaktor als dominanter modifizierender Zusatzfaktor bekannt sind; also nur bei diesen reicht bereits das einmalige Auftragen.


4. Klarlack
Beim Kfz kommt über die Decklackierung abschließend noch eine Schicht unsichtbarer Klarlack, der Belastungen, wie Ausbleichen durch die Sonne, Schmutz und Abrieb verhindert. Hier fehlt nun doch die Parallele zur Taube, weil unsere Tauben jährlich ihr VBR 2017 Sach- & Fachkunde 7 Federkleid erneuern und somit diesen Belastungen durch die ganz einfache Erneuerung Rechnung tragen. Die Natur hat hier als Lösung die jährliche Erneuerung des Federkleids.


Dieser Beitrag soll helfen, dem interessierten Züchter die Grundlagen der FarbGenetik zu vermitteln, welche im Aufbau durchaus als eine Art von Baukastensystem zu verstehen sind. Ergänzend möchte ich als wertvollen Ratgeber auf die entsprechende Fachliteratur von Prof. A. Sell verweisen. In seinen Büchern hat der Autor genau diese Erkenntnisse und hieraus abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten der vorgehenden Züchter-Generationen aufbereitet und für den deutschsprachigen Raum zusammengefasst. Es ist nur legitim, diesen Vorteil in der Zucht zu nutzen, um so manchen Fehler der vorgehenden Züchter-Generationen zu vermeiden.


Die Erfahrung zeigt, dass so manches, was Züchter für der Weisheit letzten Schluss halten, auch mal konstruktiv hinterfragt werden darf.


Vererbungslehre, hier die angewandte Farbgenetik – eine Sammlung von Erfahrungen der vorgehenden und aktuellen Züchtergenerationen.

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Veröffentlichung

Do, 09. September 2021

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